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Zugegeben. Ich bin ein Prinzipien- und Regelfreak. Wenn es Regeln für etwas gibt, dann aus gutem Grund.* Und wenn etwas einen festen Ablauf hat, dann kann man doch nicht einfach davon abweichen? Das geht im Allgemeinen nicht so weit, dass ich einer von der „Das haben wir aber schon immer so gemacht“-Fraktion sei. Regeln und Prinzipien dürfen, ja müssen sich ändern und anpassen. Aber bis sie sich geändert haben …

Unser Abendritual sieht seit einem Jahr so aus: Das Spielzeug im Wohnzimmer wird aufgeräumt. Dann gibt es die „Nachtmilch“ (früher Stillen), es geht Zähneputzen (seit sie Zähne zum Putzen hat), sie wird bettfertig umgezogen, dann lesen wir noch Gute-Nacht-Geschichten, dann sagen wir „Gute Nacht!“ und dann gehts ins Bett.

Und plötzlich wollte sie unbedingt vor dem Umziehen schon lesen. Mir passte das gar nicht. Vorher lesen? „Nee, erst wirst Du bettfertig gemacht. So ist das Abendritual.“ Sie gab mir deutlich zu verstehen, dass sie mit mir nicht d’accord ging. Die Situation schaukelte sich hoch und plötzlich war es ein kleiner Machtkampf.

Wollte ich das? Nein! Ich hasse Machtkämpfe.

Als sie eingeschlafen war, trat ich einen Schritt zurück und dachte darüber nach. Was war passiert? Sie wollte doch nur vor dem Umziehen lesen – vom sonstigen Ablauf nur ein wenig abweichen. Selbst wenn sie dadurch zehn Minuten später ins Bett gegangen wäre, was war daran so unfassbar schlimm für mich, dass ich einen kleinen Machtkampf provozierte? Ich hab, ob meiner Prinzipienreiterei, überreagiert und ich mochte mich dafür nicht (und entschuldigte mich bei ihr tags drauf dafür).

“Choose your battles wisely. After all, life isn’t measured by how many times you stood up to fight. It’s not winning battles that makes you happy, but it’s how many times you turned away and chose to look into a better direction. Life is too short to spend it on warring. Fight only the most, most, most important ones, let the rest go.”
C. JoyBell C.

Seit diesem Abend trete ich einen Schritt zurück und atme 1 ⨉ tief durch, wenn ich merke, es kommt zwischen meiner und ihrer Vorstellung ein Konflikt auf**. Ich frage mich, lohnt sich dieser Kampf wirklich? Was ist denn das Ziel, welches ich erreichen möchte, wenn ich den Konflikt austrage? Verbiege ich mich, wenn ich mich zurück nehme oder fühl ich mich auch gut, wenn ich jetzt Fünfe g’rade sein lasse? Ist mir das (jetzt) wirklich so wichtig?

Es gibt Prinzipien, da lasse ich nicht oder schlecht mit mir reden. Beispielsweise, mit Essen spielt man nicht; ich schlage Dich nicht, Du schlägst mich nicht. Und dergleichen mehr.

Aber sonst? Ja, das funktioniert soweit prächtig. Es gab seither keine derartige Situation mehr beim Zubettgehen. Und ich fühle mich gut dabei.

Fußnoten

*Könnte ich die Paragraphen in der StVO auswendig, hörte sich mein Roadrage vermutlich eher nach „§4, Absatz 1 Du Arsch!“ an. Ja, so schlimm.

**Disclaimer: Es geht natürlich nicht um Situationen, in denen sie sich verletzen könnte oder die anderweitig gefährlich sind. Auch gebe ich ihr deswegen keine Plastiktüten, Messer oder heißen Töpfe zum Spielen und der Herd ist auch weiterhin tabu.

  • Mara

    Find ich gut dein innerliches Zurücktreten. Regeln, Abläufe etc. müssen Sinn machen, nicht nur Selbstzweck sein. Andererseits erleichtern sie den Alltag. Auch gut, aber nicht um jeden Preis. Du machst das gut!

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