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Es gibt viele Dinge, die ich meiner Tochter auf ihren Lebensweg mitgeben, vermitteln möchte. Eines davon ist es, den Wert ihrer Freiheit wertschätzen zu können. Ich meine nicht die familiäre Freiheit bei uns zu hause. Ich meine die gesellschaftliche, politische Freiheit, die ihr das Grundgesetz garantieren soll.

Sie soll lernen, dass Wählen ein Privileg ist, dass man nicht leichtfertig ungenutzt lässt. Wählen zu gehen, und sei es, um ihren Wahlzettel ungültig zu machen, ist wichtig.

Sie soll lernen, dass sie Überzeugungen nicht nur haben darf. Sondern offen dafür einstehen, sie offensiv verteidigen darf. Ihre Überzeugungen dürfen konträr sein, sie müssen nicht dem Mainstream entsprechend. Sie soll wissen, dass, wenn es hilft, sie für Ihre Überzeugungen auch auf die Straße gehen darf, ja soll. Das ist ihr gutes Recht.

Sie soll dieses Recht wertschätzen können. In einem System leben zu dürfen, in dem sie keine Angst vor staatlichen Repressalien wegen ihrer Meinung haben muss. Sie soll wissen, wie toll es ist, wenn man sagen kann, was man möchte. Wenn Redefreiheit ein Gut mit Verfassungsrang ist. Sie soll auch erfahren, wie es anderen Menschen auf diesem Planeten ergeht, die Angst vor freier Meinungsäußerung haben müssen. Wenn Blogger bspw. in Ägypten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden – weil sie ihre Meinung sagten.

So sie möchte, soll sie sich einmischen. Laut sein. Kritisch denken und immer hinterfragen. Auch soll sie verstehen, dass das Gewaltmonopol der Polizei notwendig ist, dass wir aber in einem Rechtsstaat leben. Es gilt das Prinzip der Gewaltenteilung. Dieser Rechtsstaat garantiert ihre Freiheiten. In diesem Rechtsstaat hat jeder das Recht auf einen fairen Prozess. Und jeder ist erstmal unschuldig, bis zum Beweis des Gegenteils. Dieser Rechtsstaat soll sie schützen, soll ihre Rechte schützen und verteidigen.

Ich weiß, eine Binsenweisheit. Aber all das gilt auch dann noch, wenn ihre Meinung nicht meiner entspricht. Das gehört dazu.

Warum schreibe ich das? Weil ich mich mal wieder fragen muss, ob es nicht doch naiv ist, so zu denken.

(Zugehörige Polizeimeldung)

Wie kann ich meiner Tochter all das obige versuchen zu vermitteln, wenn mich selbst mehr und mehr Zweifel plagen, wie viel in diesem Land schief läuft? Wie viele meiner Freiheiten tatsächlich noch vorhanden sind. Wenn ich plötzlich Angst davor habe, ihr eines fernen Tages sagen zu wollen „Nein, auf die Demo gehst Du nicht. Es könnte zu Ausschreitungen gegen Unbeteiligte kommen. Du könntest verletzt werden“.

Wenn ich Angst vor dem Tag habe, an dem sie ein derartiges Video meinen Überzeugungen entgegenhält und fragt: „wie kann das dann sein?“ … und ich keine Antwort habe.

Natürlich ist das Video nur ein Ausschnitt, nur selektive Teilwahrheit. Man weiß nicht, was vor dem Druck auf den Aufnahmeknopf vorgefallen ist. Ob und was ‚rausgeschnitten wurde.

Aber mir fällt wenig ein, was das Vorgehen der Polizisten rechtfertigen würde. Und nichts von dem, was mir einfällt, ist auf dem Video zu sehen. Ja sicher, vermutlich 99,9% der Polizisten da draußen machen ihren Job ordentlich. Und das schlecht bezahlt. Bei immer schlechter werdendem Image. Ich selbst habe Polizisten im Bekanntenkreis. Normale, nette Menschen, denen man nichts böses zutraut. Und vor deren Berufswahl ich Respekt habe.

Und doch sind es Szenen wie auf dem obigen Video – oder die aus Suttgart im September 2010, oder die auf der „Freiheit statt Angst“-Demo 2009 oder die Snowden-Enthüllungen, oder … die mich zweifeln lassen, ob ich all das obige meiner Tochter glaubhaft vermitteln kann.

  • perlenmama

    Dieser Text trifft echt einen wunden Punkt bei mir. Und den beschreibt er so trefflich, so hätte ich ihn wohl nie in Worte fassen können. Denn ja, wir wünschen uns doch alle eine „heile Welt“ für unsere Kids. Also eine, in der man sich auf die grundlegenden Dinge verlassen kann. Einer, wo Menschen wie die Polizei auf einen aufpassen, Politiker für einen sorgen und auf den Etiketten steht was im Produkt drin ist. Natürlich will man nicht, dass man sich naiv drauf verlässt, sondern dass sie aktiv dabei mitwirken, dass ihre Welt so bleibt…oder ist…oder wird. Und wenn es dann, wie jetzt seit längerem, unkontrollierbar aus dem Ruder läuft, dann bekommt man es als Eltern schon mit der Angst zu tun…denn wie soll man die Kleinen auf etwas vorbereiten, was einen selbst schon unvorbereitet trifft? Wie soll man ihnen etwas begreiflich machen was man selbst nicht mehr versteht. Und wie soll man sie angstlos aufwachsen lassen wenn man selbst echt Schiss bekommt?

    Wie gesagt, wunder Punkt. Ne Pointe habe ich auch nicht…

    • papaleaks

      Danke für Deinen Kommentar ☺

      Ich denke darüber schon lange nach. Seit ich wußte, ich werde Vater, hab ich mir viele Fragen dazu gestellt, was ich ihr vermitteln will, wie mein Fußabdruck in ihrem Leben aussehen soll. Und das obige gehört für mich dazu – weil es mir sooooo unendlich wichtig ist.

      So richtig unvorbereitet trifft mich die gesamte Entwicklung nicht – sie war lange zu beobachten. Aber Antworten hab ich so wenige. Und sie wird so viele Fragen haben. Und ja, ich hab tatsächlich vor der Frage: „wie kann dass dann sein?“ oder einem „Warum habt ihr nichts gemacht?“ schiss. Es geht mir weniger um heile Welt – die gibt es nicht und gab es nie. Und das soll sie auch wissen.

      Aber ich möchte ihr nicht die Errungenschaften der Demokratie und Freiheit erklären nur um sie dann von der Ausübung ihrer demokratischen und freiheitlichen Grundrechte zurückzuhalten – weil ich sie liebe und beschützen möchte. Das macht mir wirklich Angst.

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